Stefan Kunzmann
 

Ich bin überall zu Hause, wo ich nicht bin.



Stefan Kunzmann

born in 1967, journalist

 

From 1987 to 1993, Stefan Kunzmann studied philosophy, political science and contemporary German literature in Munich. He then setting off to travel across South America, spending a number of years in Brazil and Argentina. On his return to Europe, he worked as a stagehand and assistant director at several theatres, mainly in Heidelberg and Stuttgart. He has been working as a journalist since 1998. Most of his writings focus on the themes of literature, cinema, theatre, politics, and travel as a foreign correspondent. In 2005 he started working for Luxembourg-based Revue. In 2010 he published the book “Magnet L – Immigration in Luxembourg”, in collaboration with photographer Patrick Galbats.
The quote “Ich bin überall zu Hause, wo ich nicht bin” (one possible translation of this play on words would be “I am at home everywhere, and everywhere I am not”) could be considered Stefan Kunzmann’s maxim, both on a personal level and as the nomad writer of the book “Magnet L”.

The quote « Ich bin überall zu Hause, wo ich nicht bin. » he considers as maxim for him-self as a nomad as well as for the book “Magnet L”.

O Sonho do nómada
Eu parti do meu país
Sem olhar para trás
Estou na rua
Direcção incerteza
O vento na cara
A mala feita
Cheia da saudade.

Na paragem de autocarro
Estou esperando em vão
Na bagagem remexo
Como na minha memória
E pego todo pedaço de pão.

Vou a pé sem saber aonde,
Mergulhado nos pensamentos
Me agarro aos momentos
Mais lindos do nosso amor
Quando cheguei à sua cidade.

Passei a primeira noite fora
Debaixo dos cartões
No Cais do Sodré.
A estação do Rossio
Foi o meu primeiro hotel.

Hospedei-me numa pensão
Para trabalhadores sazonais
contei as gotas de água
Batendo no tecto
Do meu quarto.

Mais tarde viajei
De metro
Na linha azul
última estação Amadora
Um metro chamado desejo.

No meu novo país
Nada parece melhor
A minha cama
No segundo andar dum café
Está cinzenta como o céu,
O colchão cheio de bolor
A minha mesa-de-cabeceira

Cheia de pó,
O papel da parede
Esfola no calor.

Vou num outro país,
Estranho como a gente ali.
Luto pela vida
Com biscates.
O sonho da riqueza
Tão perto, tão longe.

No café jogo cada dia
Uma partida de cartas
Com os meus colegas,
Mas sempre perdendo
Porque estou sonhando
No dia e na noite
De ontem, de hoje
Dum futuro melhor.

Na cama olho para o tecto
Outra vez mais
As paredes estão
Forradas dos Euros
Que não se esfolam.

Em todas as partes
Aonde eu não estou
Sinto-me à vontade.
Quero voltar à cidade
De Juan Carlos Onetti,
Aonde se bifurcam
Os meus sonhos.

Não gostei do
futebol na televisão
Escuto Fado
E música pimba.
Cheguei de Carandiru
A uma gaiola de ouro.

Sou soldado
da legião urbana
O meu amor encontrei
na entrada do banho
Numa garagem
Subterrânea.

No cruzamento da vida
Não posso decidir
Pela direcção.
Por isso fico assim.
Salto de volta
E para frente
Como no jogo da macaca.

Não queremos sofrer,
Mas queremos tocar o céu,
Ainda que cheira mal.
A sorte é efémera,
Sou só um passageiro.
O amor é fatal
Para todos sozinhos.

A liberdade é um paraíso,
Que nunca encontramos.
A vida está aqui e agora
Amanhã pode ser o último dia.
Vou sair prá rua, e posso ver:
O horizonte ainda existe.
(Von Stefan Kunzmann)

Der Traum des Nomaden

Ich habe mein Land verlassen
Ohne Blick zurück
Ich stehe auf der Straße
Richtung Ungewissheit
Der Wind im Gesicht
Der Koffer gepackt
Voller Sehnsucht.

An der Bushaltestelle
Warte ich vergeblich
Im Gepäck greife ich
Wie in meiner Erinnerung
Nach jedem Stück Brot.

Ich gehe zu Fuß
Ohne zu wissen wohin
In Gedanken versunken
Ich greife nach den
Schönsten Momenten,
Als ich in ankam
In deiner Stadt.

Ich verbrachte die erste Nacht
Draußen unter Kartons
Am Cais do Sodré
Der Rossio-Bahnhof
War mein erstes Hotel.

Ich stieg in einer Pension ab
Für Saisonarbeiter
Ich zählte die Wassertropfen,
Die auf das Dach
Meines Zimmers klopften.

Später pendelte ich
Mit der Metro
In der blauen Linie
Endstation Amadora
Endstation Sehnsucht.

In meinem neuen Land
Schien nichts besser zu sein
Mein Bett im zweiten Stock eines Cafés
War so grau wie der Himmel.
Die Matratze voller Schimmel
Mein Nachttisch voller Staub
Und die Tapete löste sich
In der Hitze von der Wand.

Ich ging in ein anderes Land.
Fremd wie die Menschen dort
Ich hielt mich über Wasser
Mit Gelegenheitsjobs
Der Traum vom Reichtum
War so nah, so weit.

Im Café spielte ich jeden Tag
Eine Partie Karten
Mit meinen Kollegen
Aber ich verlor immer
Weil ich träumte
Am Tag und in der Nacht
Von gestern, von heute
Von einer besseren Zukunft.

Im Bett schaute ich
Ein ums andere Mal
An die Decke
Die Wände voller Euro,
Die sich nicht lösten.

Überall wo ich nicht bin,
Bin ich zu Hause.
Ich will in die Stadt
Von Juan Carlos Onetti zurück,
Wo sich die Träume gabeln.

Mir gefiel nicht der Fußball
Im Fernsehen.
Ich hörte Fado
Und Schnulzen.
Ich kam aus Carandiru
In ein Käfig aus Gold.

Ich bin Soldat
Der urbanen Legion
Meine Liebe fand ich
Am Eingang
Einer Toilette
Einer Tiefgarage.

An der Kreuzung des Lebens
Kann ich mich nicht entscheiden
Für eine bestimmte Richtung.
Deshalb bleibe ich wo ich bin.
Ich springe zurück
Und nach vorn
Wie bei Rayuela.

Wir wollen nicht leiden,
Sondern den Himmel berühren,
Auch wenn er übel riecht.
Das Glück ist vergänglich.
Ich bin ein Passagier.
Die Liebe ist verfänglich
Für alle Einsame.

Die Freiheit ist ein Paradies,
Das wir nie finden.
Das Leben ist hier und jetzt
Morgen kann der letzte Tag sein
Ich gehe auf die Straße und kann sehen:
Der Horizont ist noch da.
(deutsche Übersetzung von Stefan Kunzmann)

 

Nomadentum und Migration
Von Stefan Kunzmann

„Ich bin überall zu Hause, wo ich nicht bin.“ Der erste Teil des Satzes drückt Geborgenheit aus, der zweite das Nicht-Sein, das Nicht-Mehr- oder Noch-Nicht-Sein an einem Ort. Im Gegensatz zur möglichen positiven Umschreibung des Nomadentums als Identitätskonzept des postmodernen Menschen verweist der Satz auf die Heimatlosigkeit des Menschen. Oder auf die Sehnsucht nach einer Heimat, wie sie sich kulturell in den Immigranten-Gemeinschaften weltweit äußert. Für viele Einwanderer spielt dabei Nostalgie eine Rolle, die Sehnsucht nach der alten Heimat, das Heimweh. Aber auch die tägliche Auseinandersetzung mit dem neuen Lebensort. Die Immigranten bringen ihre eigene Kultur mit, die dann in die Kultur des Einwandererlands mit einfließt. Es kann aber auch sein, dass eine kulturelle, beispielsweise eine musikalische Strömung erst in der neuen Heimat entsteht – wie der Tango, der in den zumeist von italienischen Immigranten bewohnten Vierteln in Buenos Aires entsprang.

Mit Nomaden werden nicht nur traditionelle Nomadenvölker bezeichnet, sondern auch – im Zuge der Diskussion über die Merkmale und Folgen der Globalisierung – von „neuen Nomaden“ gesprochen. Gemeint sind dabei sowohl Flüchtlinge und Arbeitsmigranten aus Not als auch Globetrotter aus Lust, hoch spezialisierte Akademiker und privilegierte Jetsetter. Sind sie auch noch so unterschiedlich, gemeinsam haben sie eine ausgeprägte Mobilität. Der Begriff des Nomaden ist somit sowohl positiv als auch negativ besetzt. Zum einen steht der Nomade für den gut situierten Kosmopoliten, zum anderen für den parasitären Mietnomaden.

Vor allem bei gebildeten und reichen Menschen gilt die transnationale Mobilität und transkulturelle Beweglichkeit als Zeichen von Weltläufigkeit und von beruflichem Erfolg. Vor allem in der globalisierten Wirtschaft wird Mobilität als positiv bewertet. Die weltläufigen Experten und Fachkräfte, die grenzüberschreitend ihre Jobs ausüben, sind „global player“ ebenso wie die meisten der Unternehmen, für die sie arbeiten. Ärmere und nicht privilegierte Menschen hingegen, häufig marginalisiert und illegalisiert, werden häufig zur Bedrohung für das jeweilige Einwanderungsland stilisiert. Sie sind nicht zuletzt in Europa einer wachsenden Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt. Nicht selten sind fehlende Papiere für sie ein Hindernis, in einem Land zu bleiben. Erst ein Pass oder ein Visum macht wirklich frei über alle Grenzen hinaus, selbst in Zeiten von doppelten oder mehr Staatsbürgerschaften ist dies noch ein Reflex der auch in der Epoche der Globalisierung bestehenden Nationalstaatlichkeit. Dies bekommen vor allem Einwanderer aus Nicht-EU-Staaten zu spüren, die keine Sondererlaubnis haben, in der Europäischen Union zu arbeiten. Wer keine Papiere hat, zieht oft den Kürzeren und steht auf der untersten Stufe der Gesellschaft. Aber auch die Sans Papiers und Flüchtlinge tragen zum gesellschaftlichen Transformationsprozess bei.

Die ganze Welt ist in Bewegung. Die globale Gesellschaft und deren Marktgesetze zwingen die Menschen zu größerer Flexibilität. Sie werden Nomaden wider Willen. Dabei fällt der abwertende Ton gegenüber allen auf, die nicht sesshaft sind. Fremdarbeiter, Asylbewerber, Roma werden als Fremde betrachtet, deren Lebensformen suspekt erscheinen. Wobei hinzu gefügt werden muss, dass das Bild von den Roma als fahrendem Volk längst überholt ist. Nur noch rund fünf Prozent von ihnen sind nicht sesshaft. Althergebrachte Klischees haften an den Neuankömmlingen besonders lange – als Vorurteil gegenüber Fremden.

Die Nomaden und Einwanderer werden nach wie vor an einer mit der Wirklichkeit unvereinbaren Idee einer monokulturellen Gesellschaft sesshafter Menschen gemessen. Der Fremde verkörpert das Unbekannte, das Verbotene und Ausgegrenzte. Er vertritt all das, was wir nicht sind. Er stellt unsere eigene Rolle in der Gesellschaft in Frage. Dabei ist er zugleich unser Spiegelbild. Auch wenn es Migration schon immer gab, bleiben die Gegensätze von eigen und fremd, sesshaft und nomadisch, mono- und multikulturell erhalten. Nomaden werden oftmals mit einem wilden Herumziehen und der Missachtung von Grenzen identifiziert. Sie gelten a priori als anti-bürgerlich. Diese Gleichsetzung hat auch im postbürgerlichen Zeitalter weiter Bestand.

Der Begriff des Nomaden kann weit gefasst werden – als „nomadisches Denken“ im Sinne von Gilles Deleuze und Felix Guattari, das überkommene Denkweisen konsequent hinterfragt und dabei immer wieder die Differenz als Prinzip betont. Der Mensch sei von Natur aus ein Nomade, behauptete der Medientheoretiker und Kommunikationswissenschaftler Vilém Flusser, und der Schriftsteller Bruce Chatwin bezeichnete das nomadische Leben als Urform des menschlichen Daseins. Der 1989 verstorbene Brite schrieb: „Ich stehe unter dem Zwang zu wandern, und ich stehe unter dem Zwang zurückzukehren – eine Art Instinkt wie bei einem Zugvogel. Echte Nomaden haben kein festes Zuhause als solches; sie kompensieren das, indem sie immer gleichen Migrationswegen folgen.“

Chatwin war ein Globetrotter, Flaneur und Kosmopolit. Auf langen Reisen durch Afrika, Asien, Südamerika und Australien sammelte er das Material seiner Bücher. Seine Stelle im Aktionshaus Sotheby´s gab er einst auf, um zu reisen, oft nur mit einem Rucksack und zu Fuß unterwegs. Chatwin machte die nomadische Existenzform des Menschen zu seinem Thema, das Unterwegs sein zu einem visionären Entwurf. Seine Gedanken kreisten um den Wandertrieb, das nomadische Leben als Urform menschlichen Seins.

Bei aller Leidenschaft und Besessenheit, die Chatwin für den Nomaden hatte, als den er sich selbst wieder erkannte: Er verherrlichte die nomadische Lebensweise nicht, sondern problematisierte sie auch. Denn ein Nomade ist nicht gleich ein unbekümmerter Globetrotter, sondern er ist Zwängen ausgesetzt. Und er ist nicht unbedingt ein Einzelner, sondern ein Gruppenangehöriger, dem die Gruppe Schutz bietet.

Das Nomadentum bedeutet nicht nur, sich immer wieder an einen anderen Ort zu bewegen, sondern auch hauslos zu sein. Im Licht von Chatwins Theorie des Nomadentums betrachtet, ist die heutige Situation der Migranten und nomandisierenden Arbeitskräfte nicht nur negativ, sondern auch als eine dem Menschen vertraute Daseinsweise zu sehen. Migration bedeutet auch Austausch, und Nomadentum steht im besten Fall für Freiheit – mit allen Konsequenzen, die der nomadenhafte Mensch daraus zu ziehen hat.